Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und ein leichter Wind – ein perfekter Wandertag.
Und genau so einer sollte es werden. Dachten wir zumindest.
Heute ging es wieder los. Mit unserer Familie. Klein und groß, motiviert – oder auch weniger motiviert – aber am Ende doch alle zusammen. Sechs Erwachsene, fünf Kinder, ein kleines Abenteuer.
Gestartet sind wir in Niedererbach, hinein in den Wald, am Klapperbubenplatz vorbei, Richtung Elz. Die Sonne hatte den Waldboden bereits erwärmt, und während wir Schritt für Schritt vorangingen, zeigte sich der Frühling ganz leise. Dieses erste, zarte Grün. Dieses Gefühl, dass alles gerade erst beginnt.
Ein Stück des Weges führte an den Bahngleisen entlang. Und obwohl wir ihn nicht zu Gesicht bekamen, war er nicht zu überhören: der Specht. Dieses gleichmäßige Klopfen, irgendwo zwischen den Bäumen. Dazu das Zwitschern der Vögel, das Rascheln der Blätter – fast wie ein kleines Konzert, das uns begleitete.
Irgendwann verließen wir den Wald und machten uns auf Richtung Elz. Gleich zu Beginn entdeckten wir einen Bienenstock. Die Mutigsten aus unserer Runde schlichen sich vorsichtig näher – immer in der Hoffnung, vielleicht einen Blick auf die Bienenkönigin zu erhaschen. Es blieb allerdings bei den fleißigen Arbeiterinnen.
Je näher wir Elz kamen, desto lebendiger wurden die Geschichten.
Mein Schwiegervater – gleichzeitig Vater und Opa – begann zu erzählen. Von früher. Vom Schlittenfahren. Von Hügeln, die plötzlich wieder lebendig wurden, nur weil man darüber sprach. Man merkte schnell: Das war keine ruhige Kindheit. Wer nicht rechtzeitig bremste, landete auch mal am Brückenpfeiler der Eisenbahn. Schlitten gingen kaputt, Hände mussten genäht werden – und trotzdem ging es einfach weiter.
Einfacher war vieles damals, sagte er. Und während ich zuhörte, musste ich schmunzeln.
Denn auch ich hatte sofort Bilder im Kopf.
Von mir. Von draußen sein. Von zu wild sein.
Und von einer ganz bestimmten Hose.
Ich war vielleicht nicht besser. Eher im Gegenteil. Immer draußen, immer unterwegs – und „gute Kleidung“ war bei mir fehl am Platz. Einmal, an einem Sonntag, wollte ich „nur kurz“ mit einer Freundin auf den Spielplatz. Ich hatte schon meine neue Hose an. Meine Mutter war strikt dagegen.
Ich habe gebettelt.
Und durfte.
Mit klarer Ansage: Pass auf.
Ich versprach hoch und heilig – und stand wenige Minuten später auf dem Dach einer alten Holzhütte auf dem Spielplatz. Warum diese Hütte dort stand? Ich weiß es bis heute nicht. Aber sie war perfekt zum Klettern.
Bis ich wieder runter musste.
Und rutschte.
Und ein Nagel sich genau das suchte, was er finden konnte: meine neue Hose.
Ein Loch.
Ein ziemlich großes sogar.
Ihr könnt euch vorstellen, wie der Tag weiterging.
Zurück in der Gegenwart ging es weiter entlang der „Bach“.
Ja, grammatikalisch heißt es „der Bach“. Aber bei uns im Westerwald ist es eben die Bach.
Und natürlich hatte auch sie ihre Geschichten parat.
Mein Schwiegervater erzählte, wie er dort ins Eis eingebrochen war. Wie oft er hineingefallen ist. Und ich hatte das Gefühl, dieser kleine Wasserlauf hatte mehr Abenteuer gesehen als manch großer Fluss.
Auf einer Brücke dann die Frage meiner Schwägerin an ihre Kinder:
„Wem gehört die Bach?“
Und wie aus einem Mund kam die Antwort:
„Dem Opaaaa!“
Ich glaube, schöner kann man Erinnerungen nicht festhalten.
In Elz selbst ging es weiter mit Geschichten. Mein Schwager zeigte uns, wo früher der Friseur war, wo Eingänge waren, die es so heute vielleicht gar nicht mehr gibt. Orte verändern sich – aber die Erinnerungen bleiben erstaunlich genau.
Und dann… kam der Moment, den wohl alle insgeheim erwartet hatten.
Die Eisdiele.
Fünf Kinder. Sonnenschein. Und plötzlich fehlte jemand.
Oma.
Während wir noch Richtung Eisdiele liefen, kam sie uns schon entgegen – mit fünf Eishörnchen. Für jedes Kind eines.
Diese Augen. Dieses Strahlen. Dieses sofortige, wortlose Glück.
Und kaum standen wir wenig später am Bahnübergang und warteten auf den Zug, war alles schon aufgegessen. Ich war ehrlich überrascht, wie schnell das gehen kann.
Weiter ging es Richtung Limburg. Vorbei an der Kartbahn in Staffel, mit kleinen Abkürzungen, die natürlich nur die Einheimischen kannten. Und irgendwie – mit minimaler Verzögerung – kamen wir alle fast gleichzeitig an unserem Ziel an.
Wobei „direkt“ auch relativ ist.
Denn an der Lahn und der alten Brücke mussten erst einmal Enten und Schwäne beobachtet werden. Ausgiebig. Sehr ausgiebig.
Aber genau dafür macht man solche Tage doch, oder?
Unser Ziel: ein italienisches Restaurant in der Altstadt. Freigelegte Balken, alte Wandmalereien – ein Ort, an dem man automatisch ein bisschen länger sitzen bleibt.
Und natürlich lief nicht alles ganz reibungslos.
Unser Sohn bekam zunächst sein Getränk nicht. Dafür hatte es plötzlich jemand anderes vor sich stehen – und schon einen Schluck genommen. Ein kleines Durcheinander, ein paar Lacher, Problem gelöst.
Bei der Pizza ging es ähnlich weiter.
Falscher Tisch, kurzer Umweg, dann doch der richtige Teller.
Und irgendwie machte genau das den Moment perfekt.
Kein Stress. Keine schlechten Worte. Einfach nur gemeinsames Lachen.
Zum Abschluss trafen wir uns noch bei den Eltern – Kaffee und Kuchen. Diesmal in kleiner Runde. Das schöne Wetter hatte einige noch einmal weiter nach draußen gelockt.
Und so saßen wir da.
Mit Mandelglück - Muffins.
Und mit einem kleinen, leisen Gedanken von mir:
Selbst dieses Rezept hatte wieder seine Lücken.
Und wieder war ich froh, mich nicht blind darauf verlassen zu haben.
Die Muffins hatte ich übrigens heute Morgen gebacken – noch bevor wir los sind. Zwischen Küche, Wanderschuhen und einem kurzen Abstecher zur Wahlurne.
Manchmal sind es genau diese Tage.
Ein bisschen Chaos.
Ein bisschen Erinnerung.
Ein bisschen Improvisation.
Und ganz viel Leben.
Bis bald
Tamara 💛
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