Heute waren wir wieder gemeinsam unterwegs. Unsere Großfamilie, viele Füße, viele Stimmen – und dieses besondere Gefühl, das entsteht, wenn man merkt: Genau so soll ein Sonntag sein. Es war unsere erste gemeinsame Wanderung in diesem Jahr, und sie hatte alles, was ich liebe: Bewegung, Gespräche, Zeit füreinander – und am Ende natürlich Kuchen. Dazu eine Geschichte aus meiner Kindheit, die bis heute jedes Mal ein Lächeln auf unsere Gesichter zaubert. Der Kuchen trägt nicht ohne Grund den Namen „Der kleine Rum-Skandal“.
Bei angenehmen 4 °C starteten wir von Niedererbach aus Richtung Nentershausen. Sechs Erwachsene und sechs Kinder, dick eingepackt, ein wenig aufgeregt, ein wenig müde – und doch voller Vorfreude. Der Weg führte uns unter der imposanten Eisenbahnbrücke hindurch und dann hinein in den Wald. Diese Strecke kenne ich gut, und doch fühlt sie sich jedes Mal anders an, wenn man sie gemeinsam geht.
Kinder zum Laufen zu motivieren ist übrigens gar nicht so schwer – wenn sie nicht allein sind. Viele andere Kinder, viel Lachen, kleine Pausen, ein Schluck aus der Trinkflasche, etwas Süßes zwischendurch. Jeder hatte seinen eigenen Rhythmus, und genau das durfte auch sein. Am Hundetrainingsplatz bei Nentershausen schlossen sich weitere Familienmitglieder an. Plötzlich waren wir mehr. Acht Erwachsene, sieben Kinder, ein Hund. Eine kleine Wanderkarawane.
Wir liefen nicht dicht gedrängt, sondern lose verteilt. Mal vorne, mal hinten, mal mitten drin. Gespräche wechselten, Kinder tauschten Plätze, Erwachsene ebenso. Genau darin liegt für mich der Zauber dieser Tage: Jeder findet seinen Moment, und trotzdem sind wir alle zusammen.
Der Weg durch Nomborn berührt mich jedes Mal. Der alte Ortskern, die mächtigen Bäume vor der Kirche – still, würdevoll, fast zeitlos. Doch wir blieben nicht stehen.
Als Gruppe ging es weiter, hinein in den Wald zur Studentenmühle. Dort warteten schon weitere Erwachsene auf uns. Fahrer für den Rückweg – und vor allem vertraute Gesichter.
Mit insgesamt 18 Personen kehrten wir in der Studentenmühle ein. Für uns ein kleiner Kreis, für andere vermutlich ein halbes Dorffest. Wir saßen beisammen, lachten, wärmten uns auf. Getränke standen schnell auf dem Tisch, das Essen wurde bestellt, und für einen Moment war einfach alles gut. Man sah es in den Gesichtern: Niemand hatte es eilig. Niemand wollte weg.
Und doch meldete sich bei einigen die Lust, weiterzugehen. Noch ein Stück Weg, noch ein bisschen Natur. Also ließen wir – vier Wanderfrauen – uns nach Girod fahren und liefen von dort weiter Richtung Steinefrenzer Bahnhof. Tiere tauchten am Wegesrand auf: Wallabys, ein weißer Pfau, Enten – sogar eine Eule. Solche Augenblicke kann man nicht planen.
Über Dreikirchen und an Obererbach vorbei ging es schließlich zurück nach Niedererbach. Müde Beine, aber volle Herzen.
Wer glaubt, damit wäre unser Tag zu Ende gewesen, kennt unsere Familie schlecht. Familienmitglieder - welche schon vorgefahren waren - warteten bereits. Und natürlich entschieden wir uns ganz spontan, den Kuchen zusammen anzuschneiden. Da dieser nicht für Kinder gedacht war, wurden noch eben mal Berliner und Quarkbällchen besorgt. Also wieder zusammenrücken, Teller verteilen, Kaffee einschenken, Gespräche fortsetzen.
Und nun zur Geschichte, die bei uns bis heute für beste Stimmung sorgt:
Meine Mutter wollte diesen Kuchen einmal für einen Kindergeburtstag backen. Ob mein Bruder oder ich Geburtstag hatte, weiß ich gar nicht mehr – das ist auch nebensächlich. Entscheidend ist der kleine Fehler, der passierte. Statt Rum mit 40 % Alkohol wurde versehentlich Rum mit 80 % verwendet.
Natürlich fiel das schon beim ersten Bissen auf. Wir Kinder durften den Kuchen nicht weiter essen – vermutlich auch besser so. Seitdem gehört diese Geschichte fest zu jedem Kaffee-und-Kuchen-Nachmittag, an dem es den „kleinen Rum-Skandal“ gibt. Und jedes Mal wird sie wieder erzählt. Einfach schön.
Vielleicht sind es genau diese Geschichten, die bleiben. Die immer wieder hervorgeholt werden, wenn man zusammensitzt, isst, lacht. Und vielleicht werden unsere Kinder irgendwann ihre eigenen Geschichten erzählen – über diese Wanderungen, diese Sonntage, diese Kuchen.
Für mich war es ein perfekter Tag. Und ich freue mich jetzt schon auf unsere nächste gemeinsame Wanderung in drei Wochen.
Bis dahin
Tamara
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