Man kennt es, man liest davon, sieht es in Filmen und Serien – und trotzdem kann man sich kaum vorstellen, wie unterschiedlich das Leben von Menschen sein kann, wenn man diese Unterschiede nicht nur beobachtet, sondern tatsächlich selbst erlebt.
Okay, das klingt jetzt ziemlich groß und weit formuliert. Eigentlich meine ich etwas ganz Alltägliches: das Leben von berufstätigen Eltern und das Leben von Menschen, die keine Kinder haben.
Wenn wir Eltern werden, lernen wir, Verantwortung zu übernehmen. Wir werden strukturierter, organisieren plötzlich Dinge, von denen wir vorher wahrscheinlich gar nicht wussten, dass man sie überhaupt organisieren kann, und entwickeln mit der Zeit eine ganz eigene Fähigkeit dafür, einen Tag mit Kindern sinnvoll zu füllen.
Das bisschen Haushalt spielt dabei eigentlich kaum eine Rolle, denn irgendwie gehört er einfach mit in diesen großen Familientopf.
Aufstehen, Kinder fertig machen, Brote für alle schmieren, arbeiten gehen, dafür sorgen, dass mittags rechtzeitig etwas zu essen auf dem Tisch steht, Hausaufgaben machen, die Kinder zu Freunden, Vereinen oder Arztterminen fahren, gemeinsam Abendbrot essen, noch ein bisschen Zeit miteinander verbringen und irgendwann tatsächlich Feierabend haben. Und irgendwo dazwischen – wirklich irgendwo dazwischen – versuchen viele dann auch noch, den Haushalt zu erledigen. So gut es eben möglich ist.
Auch unsere eigenen Erwartungen sind dabei manchmal viel zu hoch. Die einen haben irgendwann verstanden, dass gemeinsame Zeit mit der Familie wesentlich wertvoller sein kann, als alles perfekt organisiert und erledigt zu haben. Die anderen stehen dafür noch früher auf oder arbeiten abends so lange weiter, bis auch das letzte bisschen geschafft ist.
Nur die Zeit für sich selbst? Die passt irgendwie nicht so richtig hinein.
Während die Kinder aufwachsen, stört uns das meistens gar nicht. Wir gewöhnen uns an diesen Alltag, lernen viele Dinge neu zu schätzen und irgendwann fühlt sich dieses Leben einfach ganz selbstverständlich an. Es ist unser Alltag, unsere Normalität und unsere Welt.
Bis die Kinder plötzlich keine Kinder mehr sind.
Sie werden erwachsen, brauchen uns immer weniger und manchmal gehen wir Eltern ihnen sogar ein kleines bisschen auf die Nerven. Und plötzlich beginnt ein neuer Lebensabschnitt, den man selbst erst einmal wieder kennenlernen muss.
Aber auch dieser Abschnitt kann unglaublich schön sein. Wir können Dinge bewusster genießen, intensiver erleben und viel stärker wahrnehmen. Vielleicht ist es genau die Zeit, in der all unsere Erfahrungen und Erlebnisse mit ganz viel Lebensfreude gefüllt werden können – wenn wir es zulassen.
Und dann gibt es Menschen, die sich bewusst für eine Karriere entschieden haben oder einfach keine Kinder wollten.
Man glaubt es kaum, aber wenn diese Menschen von ihren Problemen und Herausforderungen erzählen, fällt es uns Eltern manchmal schwer, diese wirklich nachzuvollziehen. Wo ist denn das Problem? Dieser Gedanke kommt vielleicht schneller, als er sollte.
Wir sind schließlich jahrelang durch unsere Tage gelaufen und hatten ständig Herausforderungen, denen wir uns stellen mussten – ob wir wollten oder nicht. Für vieles gab es überhaupt keine Wahl. Es musste einfach funktionieren.
Aber genau darin liegt der entscheidende Punkt: Diese Menschen kennen unsere Welt nicht. Und ich schreibe ganz bewusst „Welt“, denn manchmal liegen zwischen diesen beiden Lebenswelten tatsächlich Welten.
Auch wenn wir unter der Woche nur „einfach“ kochen, ziehen wir dieses Essen einer Fertigpizza vor. Dann wird eben so gekocht, dass man einen Teil einfrieren kann, oder man kocht gleich für zwei Tage. Lecker, frisch und möglichst ohne künstliche Geschmacksverstärker – für uns völlig normal. Tja, ihr merkt wahrscheinlich schon, zu welcher Seite ich gehöre.
Wir leben in unterschiedlichen Welten. Für mich bedeutet meine Welt nicht nur Familie und Kinder, sondern auch dieses bewusste Leben: gemeinsam ernten, kochen, backen, wissen, wo unser Essen herkommt. Und manchmal erzählt ein ganz einfacher Apfel genau davon.
Ein Apfel kann manchmal viel mehr sein als nur ein Apfel
Gerade erst vor Kurzem konnten wir unsere Äpfel pflücken. Und damit beginnt eine Geschichte, die ich euch unbedingt erzählen möchte. Ein sehr guter Freund von uns hatte vor Jahren hier im Ort ein altes Haus gekauft. Zu diesem Grundstück gehörte auch eine Wiese mit einem alten Apfelbaum.
Seine Kinder spielten draußen im Garten. Die Jüngste wollte einen Apfel essen, also schälte er ihn, schnitt ihn in Stücke und gab ihn ihr. Als sie irgendwann nicht mehr weiteressen wollte, reichte sie den Rest ihrem Vater.
Er war gerade in ein Gespräch vertieft und nahm den Apfel ganz selbstverständlich entgegen. Er aß ihn und schluckte ihn herunter. Für viele Menschen wäre das ein völlig alltäglicher Vorgang gewesen. Für ihn allerdings nicht, denn er ist allergisch auf Äpfel und kann davon im schlimmsten Fall ersticken.
Als ihm bewusst wurde, was gerade passiert war, begann er natürlich darüber nachzudenken, wo er im Notfall Hilfe bekommen könnte. Doch dann passierte etwas völlig Unerwartetes: Nichts. Keine allergische Reaktion.
Er konnte es selbst kaum glauben. Also nahm er mutig das zweite Stück Apfel, kaute es ganz bewusst, schluckte es herunter und wartete. Wieder nichts. Es war tatsächlich dieser alte Apfelbaum. Er konnte diese Äpfel essen.
Auch am nächsten Tag probierte er es noch einmal. Und weil er so begeistert davon war, schenkte er mir schließlich einen Apfel und sagte: „Den kannst du essen!“
Ob ihr es glaubt oder nicht: Ich habe fünf Tage gebraucht, bevor ich mich getraut habe, diesen Apfel tatsächlich zu essen. Ich war mindestens genauso vorsichtig wie er. Zuerst ein winziges Stück. Nichts. Dann noch ein Stück. Wieder nichts. Ich konnte es kaum glauben.
Also aß ich irgendwann voller Freude den ganzen Apfel auf und fragte ihn, ob er mir noch ein paar schenken könnte. Kurz darauf machte ich mir zum allerersten Mal einen Apfelpfannkuchen.
Und ich kann euch gar nicht beschreiben, was das für ein Gefühl war.
Für jemanden, der diese Herausforderung nicht jeden Tag kennt, klingt das wahrscheinlich völlig verrückt. Für mich aber war es ein ganz besonderer Moment, denn plötzlich war etwas möglich, auf das ich lange Zeit verzichten musste.
Und genau deshalb wollten wir diesen alten Apfelbaum auch bei uns haben.
Wir wollten ihn nachzüchten und fanden tatsächlich im Nachbarort einen Veredler, der das für uns machen konnte. Nach einem Jahr Wartezeit bekamen wir schließlich zwei winzige Bäumchen, noch nicht einmal 50 Zentimeter groß.
Heute sind daraus richtige kleine Buschbäume geworden. Bereits nach zwei Jahren trugen sie die ersten Äpfel, und im letzten Jahr waren es schon so viele, dass wir die jungen Äste abstützen mussten. Dieses Jahr waren sie stark genug, und unsere kleinen „Büsche“ sind teilweise bereits über zwei Meter hoch.
Und dann kam das Wochenende, an dem wir unsere Äpfel verarbeiten konnten. Für dieses Geschenk mussten wir nichts tun, außer sie zu pflücken. Den Rest des Wochenendes wurde geschält, eingekocht, abgefüllt und verarbeitet. Zwischen den einzelnen Kochrunden wurde natürlich auch mehrere Apfelkuchen gebacken und eingefroren, damit ich möglichst lange etwas davon habe. Ja das ist Arbeit. Eine Menge Arbeit sogar. Aber dieser natürliche Geschmack ist für mich unbezahlbar.
Ich freue mich darüber, dass ich ein Stück von einem mittlerweile sehr alten Baum in zwei neue Bäume pflanzen durfte und damit ein kleines Stück Geschichte weitergeben kann. Ich freue mich darüber, leckeres Essen selbst zuzubereiten, anstatt einfach ein Fertiggericht in die Mikrowelle oder den Backofen zu stellen. Und vielleicht liegt genau darin einer der Unterschiede zwischen diesen beiden Welten. In der einen Welt heißt es vielleicht: „Das ist viel zu viel Arbeit. Das kann ich doch einfach kaufen.“
In meiner Welt bedeutet es dagegen, Zeit zu investieren, gemeinsam etwas zu machen, zu ernten, zu kochen, zu backen und dabei zu lachen – und am Ende etwas auf dem Tisch stehen zu haben, von dem man genau weiß, wo es herkommt. Natürlich gibt es in der anderen Welt wahrscheinlich unendlich viel zu entdecken. Aber ich kenne sie nicht. Und ehrlich gesagt möchte ich auch gar nicht verstehen, wie man darin glücklich sein kann. Ich weiß nur, was mich glücklich macht. Und dazu gehören inzwischen ganz sicher diese beiden kleinen Apfelbäume.
Bald werden wir auch die Marmeladen für den Winter einkochen und vielleicht setzen wir sogar noch den ersten Bratapfellikör an. Für andere sind das vielleicht Kleinigkeiten. Für mich sind diese Dinge unbezahlbar. Denn manchmal ist es eben nicht nur ein Apfel.
Manchmal steckt darin eine Geschichte, ein Stück Vergangenheit, ein bisschen Mut – und ganz viel Leben.
Bis bald
Tamara 💛
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