Habt ihr in dieser Woche einmal genauer auf euren eigenen Automatismus geschaut und vielleicht gemerkt, wann ihr eigentlich auf Autopilot schaltet? Morgens im Bad funktioniert das bei den meisten von uns wahrscheinlich ganz wunderbar. Erst Gesicht waschen, dann Zähne putzen, Haare kämmen und vielleicht noch schnell die Tasche packen – und all das, ohne wirklich darüber nachzudenken. Auch auf dem Weg zur Arbeit kann es passieren, dass wir plötzlich angekommen sind und uns fragen, wie wir eigentlich schon dort sein können, denn bewusst wahrgenommen haben wir den Weg vielleicht gar nicht.
Ihr müsst es mir natürlich nicht verraten, aber ich wünsche euch, dass ihr in den vergangenen Tagen ein bisschen offen euch selbst gegenüber wart und gut darauf geachtet habt, wann ihr eigentlich nur noch funktioniert.
Diese Automatismen und auch der Autopilot sind ja grundsätzlich gar nichts Schlechtes. Im Gegenteil, sie machen unseren Alltag an vielen Stellen einfacher, weil wir nicht ständig über jede Kleinigkeit nachdenken müssen. Wenn wir aber wissen, wann unser Autopilot die Oberhand gewinnt, können wir bewusst innehalten und versuchen, eine andere Entscheidung zu treffen. Und genau das ist gar nicht so einfach, denn wir Menschen mögen unsere Gewohnheiten und das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle zu haben.
Wenn wir unsere gewohnten Verhaltensweisen allerdings immer weiter zulassen, einfach weil sie bequem sind, kann daraus mit der Zeit ein ziemlich stures Verhalten entstehen. Jede Abweichung von unserem gewohnten Ablauf sorgt dann plötzlich für Unsicherheit. Wir wissen nicht, was uns erwartet, können das Ergebnis nicht einschätzen und verlieren vielleicht ein kleines Stück Kontrolle. Und Kontrolle abzugeben, ist für viele Menschen ein ziemlich unangenehmes Gefühl. Aber vielleicht ist genau das manchmal notwendig.
Vielleicht müssen wir uns einfach viel öfter trauen, etwas Neues auszuprobieren, auch wenn wir vorher nicht wissen, wie es ausgehen wird.
Ich habe in diesem Sommer ganz bewusst einige Entscheidungen getroffen, von denen ich schon vorher wusste, dass sie mir wahrscheinlich das ein oder andere abverlangen würden. Trotzdem wollte ich es ausprobieren und nicht schon vorher anfangen, darüber nachzudenken, warum etwas vielleicht nicht funktionieren könnte. Eine dieser Entscheidungen war unsere Trekkingwanderung im Urlaub.
Und ja, ich hatte mich ganz bewusst dafür entschieden. Auf den Bildern sah die Strecke wunderschön aus und ich hatte gesehen, dass zwischen dem Weg und den Klippen ungefähr zwei Meter Abstand waren. Zwei Meter, dachte ich mir, das sollte doch für jemanden mit Höhenangst durchaus machbar sein. Wenn das mit diesen Bildern nicht immer so eine Sache wäre. Aus den zwei Metern wurden nämlich ungefähr zwanzig Zentimeter und ich habe tatsächlich Höhenangst. Die Klippen waren also durchaus eine Herausforderung, zumal unsere Führerin irgendwann auch noch erwähnte, dass es an dieser Stelle genau 470 Meter in die Tiefe ging. Und es gab keine Seile oder Absturzsicherungen. Warum auch?
Die Wanderung selbst war wirklich wunderschön und ich habe es tatsächlich geschafft, an den steilen Klippen entlangzulaufen. Zwar komplett durchgeschwitzt und am Ende des Tages wirklich ziemlich fertig, aber ich habe es geschafft. Eine besondere Herausforderung gab es dann allerdings noch an einer Stelle, an der unsere Führerin sagte, dass wir nun den höchsten Punkt erreicht hätten und weil es dort so schön sei, würden wir erst einmal eine halbe Stunde Pause machen.
Der Teil mit dem „schön“ stimmte ja durchaus, aber musste man denn ausgerechnet dort eine Pause machen?
Auch das habe ich überstanden und am Ende war ich tatsächlich ziemlich stolz auf mich. Ich hatte etwas gemacht, von dem ich vorher wusste, dass es mich Überwindung kosten würde, und trotzdem hatte ich mich darauf eingelassen. Und am Ende habe ich festgestellt: Ich lebe heute immer noch. Was habe ich mich also eigentlich so angestellt? Aber es müssen ja nicht immer gleich 470 Meter tiefe Klippen sein, an denen wir unseren Mut beweisen.
Meine tollen Freundinnen finden zum Beispiel immer wieder interessante Aktivitäten, an denen wir gemeinsam teilnehmen können. So waren wir an einem Sonntag in Koblenz in der Ufer-Bar zum Keramikmalen. Früher habe ich sehr gerne gemalt, aber aktuell fehlt mir dafür einfach die innere Ruhe. Trotzdem habe ich Ja gesagt und mir sogar vorher Gedanken darüber gemacht, was ich malen könnte. Meine innere Unruhe war an diesem Tag allerdings nicht ganz so ruhig, wie ich mir das gewünscht hätte. Während die anderen am Ende ganz tolle Kunstwerke vor sich stehen hatten, war mein Ergebnis vielleicht eher etwas, bei dem man sagen könnte: Da ist noch Luft nach oben.
Und wisst ihr was? Ich hatte einen wunderschönen Sonntag.
Und genau darum geht es doch eigentlich. Es muss nicht immer darum gehen, etwas perfekt zu können oder am Ende das schönste Ergebnis zu haben. Manchmal geht es einfach darum, etwas auszuprobieren, gemeinsam Zeit zu verbringen und offen dafür zu sein, was passiert.
Wir dürfen uns nicht irgendwann in unseren eigenen Abläufen einigeln und sagen: So, das Leben ist schön, es hat Spaß gemacht, aber jetzt bleibe ich lieber bei dem, was ich kenne. Immer dieselben Wege, dieselben Gewohnheiten, dieselben Menschen und dieselben Entscheidungen. Das wäre doch irgendwann ziemlich langweilig und würde uns wahrscheinlich viel mehr nehmen, als es uns gibt.
Und ich glaube, dass genau hier auch ein Grund dafür liegen kann, warum manche Menschen irgendwann einsam werden. Sie trauen sich nicht mehr, über ihren eigenen Schatten zu springen, gehen weniger auf andere Menschen zu und probieren kaum noch etwas Neues aus. Vielleicht haben sie Angst davor, enttäuscht zu werden, vielleicht möchten sie keine unangenehmen Situationen erleben oder sie fühlen sich einfach wohler, wenn alles so bleibt, wie es ist. Aber wenn wir nicht hinausgehen, können wir auch nichts Neues kennenlernen. Manchmal stehen wir uns selbst so sehr im Weg, dass wir gar nicht mehr sehen, was alles möglich wäre. Dabei kann es unglaublich schön sein, einfach einmal Ja zu einer Sache zu sagen, obwohl man zunächst denkt, dass sie eigentlich überhaupt nichts für einen selbst ist.
Genau so war es auch im Frühjahr, als wir in Köln shoppen waren. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt gar keinen richtigen Kleidungsstil für mich gefunden und wusste auch gar nicht so genau, was ich wollte. Meine Freundinnen dagegen hatten offensichtlich sehr klare Vorstellungen und reichten mir ständig irgendwelche Kleidungsstücke, die ich selbst wahrscheinlich niemals aus dem Regal genommen hätte. Gut, dass ein oder andere sah wirklich zum Schießen aus.
Aber letztendlich waren auch viele tolle Sachen dabei, die ich heute unglaublich gerne trage. Und wahrscheinlich hätte ich sie niemals ausprobiert, wenn ich von Anfang an gesagt hätte: „Nein, das ist nichts für mich.“ Auch das Keramikmalen war vielleicht nicht der große Erfolg, aber beim nächsten Mal weiß ich, was ich besser machen kann. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Wir müssen nicht beim ersten Versuch alles können. Wir müssen auch nicht immer sofort begeistert sein. Wir dürfen Dinge ausprobieren, feststellen, dass sie vielleicht nicht unsere große Leidenschaft werden, und trotzdem eine schöne Zeit dabei haben. Und soll ich euch noch etwas verraten?
Ich habe wieder so viel Lust auf mehr Leben, wie schon seit meiner Jugend nicht mehr. Ich mache gerne Sport, ich laufe gerne durch die Wälder, ich besuche Freunde, gehe zum Essen, lade Freunde zu uns nach Hause ein und wir verbringen viele schöne Abende bei Spieleabenden. Wir unternehmen Dinge, lachen miteinander, probieren Neues aus und genießen einfach die Zeit, die wir miteinander haben.
Und genau das ist für mich Leben.
Es geht nicht darum, jeden Tag etwas Außergewöhnliches zu erleben oder ständig seine Komfortzone verlassen zu müssen. Aber ich glaube, dass wir aufpassen sollten, nicht irgendwann nur noch nach unseren gewohnten Mustern zu funktionieren. Denn wenn wir immer nur das tun, was wir bereits kennen, werden wir auch immer nur das erleben, was wir bereits kennen.
Vielleicht sollten wir deshalb manchmal ein bisschen mutiger sein und etwas ausprobieren. Eine Einladung annehmen, obwohl wir lieber zu Hause bleiben würden. Eine neue Aktivität ausprobieren, obwohl wir keine Ahnung haben, ob sie uns gefällt. Menschen kennenlernen, die wir bisher noch nicht kennen. Oder einfach etwas anziehen, das uns eine Freundin in die Hand drückt, obwohl wir selbst niemals danach gegriffen hätten. 😊
Vielleicht klappt es nicht. Vielleicht wird es sogar ziemlich lustig. Vielleicht stellen wir fest, dass etwas überhaupt nichts für uns ist. Aber vielleicht entdecken wir auch etwas, das uns unglaublich viel Freude macht und dass wir sonst niemals kennengelernt hätten. Und genau deshalb sollten wir uns selbst manchmal ein bisschen mehr zutrauen. Denn das Leben findet nicht nur in unseren gewohnten Abläufen statt. Es wartet auch außerhalb unserer Komfortzone auf uns. Und vielleicht müssen wir dafür gar nicht besonders mutig sein.
Vielleicht reicht manchmal einfach ein kleines Ja.
Ich hoffe, ihr habt den Mut dazu und seid mitten im Leben dabei. Probiert Dinge aus, trefft Menschen, die euch guttun, lasst euch manchmal auf etwas ein, das ihr noch nicht kennt, und habt vor allem keine Angst davor, wenn etwas einmal nicht perfekt läuft.
Denn genau daraus entstehen doch oft die Geschichten, an die wir uns später am liebsten erinnern.
Bis bald
Tamara 💛
Erstelle deine eigene Website mit Webador