Sicherlich wartet ihr jetzt auf den großen Moment und fragt euch, was ich in meinem letzten Artikel so geheimnisvoll angedeutet habe. Vielleicht erwartet ihr ein völlig neues Thema, eine überraschende Erkenntnis oder etwas, das euch bisher noch nie begegnet ist. Doch die eigentliche Überraschung ist: Ihr kennt es längst. Ihr erlebt es wahrscheinlich sogar jeden einzelnen Tag, ohne es bewusst wahrzunehmen.
Im vergangenen Sommer gab es einige Artikel und Nachrichten, die mich dazu bewegten, intensiver über ein bestimmtes Thema nachzuforschen. Dabei waren es allerdings nicht die schönen Nachrichten, die uns zum Lächeln bringen, sondern jene Geschichten, die uns tief erschüttern und bei denen wir häufig innerhalb weniger Sekunden glauben, genau zu wissen, was passiert ist und wer daran schuld ist. Wir lesen eine Schlagzeile, hören eine Geschichte und bilden uns sofort eine Meinung. Der Fall scheint für uns klar zu sein, unser Urteil steht fest und wir denken vielleicht sogar, dass uns selbst so etwas niemals passieren könnte.
Eine dieser Schlagzeilen lautet beispielsweise: „Vater vergisst Säugling im Auto.“ Allein beim Lesen dieser Worte entsteht vermutlich bei vielen Menschen sofort ein bestimmtes Gefühl. Vielleicht Entsetzen, vielleicht Wut oder völliges Unverständnis. Und wahrscheinlich folgt unmittelbar der Gedanke: „Wie kann so etwas passieren? Mir würde das niemals passieren.“ Doch genau an diesem Punkt wurde ich neugierig. Denn auch ich hätte früher wahrscheinlich genauso gedacht. Bis ich begonnen habe, mich intensiver mit der Frage zu beschäftigen, was eigentlich in unserem Gehirn passiert, wenn wir unter Stress stehen, müde sind oder plötzlich aus unserer gewohnten Routine gerissen werden.
Umgangssprachlich wird in diesem Zusammenhang häufig vom sogenannten „Forgotten Baby Syndrome“ gesprochen, wobei dies keine offizielle medizinische Diagnose ist. Dahinter steht vereinfacht gesagt ein Mechanismus, den wir alle kennen: Unser Gehirn liebt Gewohnheiten. Viele Dinge, die wir täglich tun, erledigen wir längst, ohne bewusst über jeden einzelnen Schritt nachzudenken. Das ist grundsätzlich auch sinnvoll, denn ansonsten wären wir vermutlich schon morgens beim Zähneputzen vollkommen überfordert.
Problematisch kann es allerdings werden, wenn sich ein gewohnter Ablauf plötzlich verändert. Stellt euch vor, ihr fahrt jeden Morgen denselben Weg zur Arbeit. Normalerweise steigt ihr allein ins Auto und fahrt direkt los. An einem bestimmten Tag sollt ihr jedoch ausnahmsweise zuerst euer Kind zur Kita bringen. Ihr wisst das natürlich, ihr habt es geplant und bewusst darüber nachgedacht. Doch dann kommt Stress hinzu, vielleicht Schlafmangel oder eine unerwartete Ablenkung, und plötzlich greift das Gehirn auf den Ablauf zurück, den es am besten kennt. Es schaltet auf Autopilot.
Die gewohnte Fahrt zur Arbeit läuft weiter, während der ursprüngliche Plan in den Hintergrund geraten kann. Genau dieser Gedanke hat mich nachdenklich gemacht, denn zunächst erscheint es kaum vorstellbar, dass ein Mensch etwas so Wichtiges vergessen könnte. Wenn wir jedoch ehrlich sind, passiert uns im Alltag ständig etwas Ähnliches – glücklicherweise meistens mit wesentlich weniger dramatischen Folgen.
Vielleicht kennt ihr diese Morgen, an denen ihr schon beim Aufstehen das Gefühl habt, dass euch die Zeit davonläuft. Im Kopf befindet sich eine lange Liste mit Dingen, die unbedingt erledigt werden müssen. Der Müll muss herausgebracht werden, die Mülltonne steht zur Abholung bereit, die leere Wasserflasche wird weggeräumt, eine neue wird in die Küche gestellt, die Rollläden werden hochgezogen und wahrscheinlich erledigt ihr noch zehn weitere Dinge, bevor ihr endlich die Wohnung verlasst. Ihr kommt abgehetzt bei der Arbeit an, atmet erst einmal durch und stellt dann fest, dass euer Mittagessen noch zu Hause im Kühlschrank steht.
Dabei wusstet ihr doch, dass ihr es mitnehmen wolltet. Vielleicht kommt euch der Gedanke jetzt schon etwas näher. Unser Gehirn hat all die vertrauten Abläufe problemlos abgearbeitet, während eine Aufgabe, die nicht fest in dieser Routine verankert war, einfach verloren gegangen ist. Und natürlich ist mir so etwas schon mehrfach passiert.
Vor einiger Zeit war ich morgens ebenfalls ziemlich abgehetzt auf dem Weg zur Arbeit, als ich bereits im Nachbarort feststellte, dass mein Mittagessen noch zu Hause im Kühlschrank stand. Nun begann die große Überlegung: Weiterfahren und auf mein Essen verzichten oder umdrehen und es noch schnell holen?
Mein innerer Autopilot hatte seine Entscheidung offenbar schon getroffen, bevor ich überhaupt richtig darüber nachdenken konnte. Zurückfahren, Essen holen und anschließend über die Autobahn zur Arbeit – das müsste schließlich zeitlich noch passen. Das Problem war nur, dass ich auf diesem Weg an einem Blitzer vorbeikommen würde.
Einem Blitzer, der dort übrigens immer steht. Einem Blitzer, von dem ich selbstverständlich wusste.
Und trotzdem gewann in diesem Moment mein innerer Stress die Oberhand. Ich wollte schnell sein und gab Gas. Mein gestresstes Gesicht und das rote Blitzlicht wurden anschließend zu einer sehr persönlichen Begegnung.
Ich bin jedenfalls gespannt, wie teuer mich diese Erfahrung noch zu stehen kommt.
Aber, ganz ehrlich: verdient ist verdient.
Diese Situation war natürlich nicht dramatisch und ich kann heute darüber lachen. Dennoch hat sie mich beschäftigt, denn eigentlich hätte ich es besser wissen müssen. Ich wusste, dass ich nicht zu schnell fahren darf. Ich wusste, dass dort ein Blitzer steht. Und wenn ich ehrlich bin, wusste ich sogar, dass es überhaupt keinen vernünftigen Grund gab, mich derart unter Druck zu setzen. Warum erzähle ich mir also manchmal selbst, dass ich unbedingt so schnell bei der Arbeit sein muss?
Wenn ich genauer darüber nachdenke, stimmt das nämlich gar nicht. Natürlich sollte ich pünktlich sein, aber zwischen Pünktlichkeit und vollkommenem Stress liegen Welten. Trotzdem gibt es irgendwo tief in mir diese Stimme, die mir regelmäßig erzählt, ich müsse mich beeilen. Auch das ist für mich eine Form von Automatismus.
Dabei müssen diese automatischen Reaktionen nicht immer mit Stress und Zeitdruck zusammenhängen. Manchmal zeigen sie sich auch in völlig alltäglichen und eigentlich harmlosen Situationen. Wir hatten beispielsweise einmal Lasagne gemacht, mit einer richtig kräftigen Bolognesesauce - sie war wirklich sehr rot. Mein Mann stand vom Tisch auf, die Kelle machte sich selbstständig und die Sauce flog in hohem Bogen direkt in Richtung Tapete - und sie traf.
Was folgte, war zunächst einmal eine kräftige Portion Frust. Es wurde geflucht und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Kelle diesen Abend nicht überlebt hätte, wenn es nach meinem Mann gegangen wäre. Doch was hätte das verändert? Die Sauce wäre dadurch schließlich nicht von der Tapete verschwunden.
Ähnlich ist es im Straßenverkehr. Wie oft sitzen Menschen wütend hinter dem Lenkrad, weil der Verkehr nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt haben. Sie schimpfen, brüllen und hupen, als könnte der Stau allein durch ihre Empörung plötzlich verschwinden. Natürlich kann man sich über die Situation ärgern, aber verändern wird man sie dadurch nicht. Was wir jedoch verändern können, ist unsere eigene Reaktion darauf.
Und genau dort wird es für mich interessant.
Wir werden unsere Automatismen vermutlich niemals vollständig abschalten können und das müssen wir auch gar nicht. Sie helfen uns schließlich dabei, unseren Alltag zu bewältigen. Aber wir können beginnen, sie besser kennenzulernen. Wir können uns fragen, warum wir in bestimmten Situationen immer wieder auf dieselbe Weise reagieren und ob diese Reaktion uns tatsächlich guttut.
Wenn ich beispielsweise regelmäßig mein Mittagessen zu Hause vergesse, könnte ich mir einen kleinen Zettel an das Lenkrad legen, auf dem einfach steht: „Mittagessen?“ Dieser eine kurze Hinweis würde mich für einen Moment aus meiner Routine herausholen. Wenn ich im Stau stehe, könnte ich mir bewusst ein gutes Hörbuch einschalten, anstatt den Vordermann anzubrüllen, dem es vermutlich genauso wenig Spaß macht, dort zu stehen wie mir. Und wenn ich weiß, dass eine bestimmte Situation besonders wichtig ist und auf keinen Fall vergessen werden darf, kann ich meine gewohnte Routine bewusst unterbrechen.
Genau das kann beispielsweise auch dann helfen, wenn ein Kind ausnahmsweise im Auto mitfährt. Dinge, die man beim Verlassen des Autos unbedingt benötigt, können bewusst an einem Ort platziert werden, an dem man sie nicht übersehen kann beim Kind. Der Sinn dahinter ist einfach: Man schafft eine Verbindung zwischen der neuen, ungewohnten Aufgabe und einer bereits fest verankerten Routine.
Dasselbe Prinzip lässt sich auf viele Situationen übertragen. Wenn man nach einer Panne beispielsweise das Warndreieck aufgestellt hat, könnte man dessen Hülle auf den Fahrersitz legen. Beim Wiedereinsteigen muss man sie zwangsläufig in die Hand nehmen und wird dadurch hoffentlich daran erinnert, das Warndreieck wieder einzupacken.
Es sind oft nur Kleinigkeiten, die uns dabei helfen können, unseren Autopiloten für einen Moment auszutricksen.
Vielleicht glaubt ihr mir inzwischen auch, dass uns allen Dinge passieren können, von denen wir vorher fest überzeugt waren, dass sie uns niemals passieren würden. Und genau deshalb sollten wir manchmal vorsichtiger damit sein, wie schnell wir über andere Menschen urteilen. Wir kennen selten die ganze Geschichte und wissen nicht, welche Umstände zu einer bestimmten Situation geführt haben.
Seit ich mich mit diesem Thema beschäftige, versuche ich deshalb, auch bei mir selbst genauer hinzuschauen. Nicht nur auf das, was ich tue, sondern auch darauf, warum ich es tue. Warum ich mich in manchen Situationen sofort unter Druck setze, warum ich auf bestimmte Dinge immer wieder gleich reagiere und an welchen Stellen meines Alltags ich vielleicht längst nicht mehr bewusst entscheide, sondern einfach nur noch funktioniere.
Vielleicht möchtet ihr in der kommenden Woche einmal dasselbe ausprobieren.
Achtet darauf, wann euer Autopilot die Kontrolle übernimmt. Ihr werdet vermutlich überrascht sein, wie oft das geschieht – und vielleicht beginnt die erste kleine Routine bereits morgens früh, wenn ihr vor dem Spiegel steht und euch die Zähne putzt.
Bis bald
Tamara💛
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