Dieser Artikel fällt mir heute etwas schwerer als die anderen.
In den vergangenen zwei Wochen habe ich mich intensiv mit dem Thema Zeit beschäftigt. Mit der Frage, wie wir sie nutzen, wie oft wir sagen, dass wir zu wenig davon haben, und wie viel wir gleichzeitig jeden Tag achtlos verschenken.
Oft habe ich das Gefühl, dass die Zeit viel zu schnell vergeht. Dass Momente vorbeiziehen, noch bevor man sie richtig wahrgenommen hat. Eben war etwas noch selbstverständlich und im nächsten Augenblick ist es schon vorbei. Ich glaube, dieses Gefühl kennen viele. Der Alltag ist voll, die Tage rauschen dahin und abends fragt man sich, wo die Zeit eigentlich geblieben ist.
Gleichzeitig beobachte ich immer häufiger etwas, das mich nachdenklich macht. Menschen gründen eine Familie, bekommen Kinder, erleben eigentlich eine der wertvollsten Zeiten ihres Lebens – und trotzdem ist das Handy ständig dabei. Beim Spazierengehen wird telefoniert, auf Nachrichten geantwortet oder durch soziale Medien gescrollt. Statt den Moment bewusst zu erleben, ist man gedanklich schon wieder woanders.
Früher gab es diese ständige Erreichbarkeit nicht. Man ging mit Menschen, die man mochte, spazieren, unterhielt sich, lachte, schaute seinem Kind beim Entdecken der Welt zu und war wirklich da. Nicht nebenbei, nicht halb, sondern mit voller Aufmerksamkeit. Ich habe das Gefühl, dass wir vieles aktiver wahrgenommen haben. Dass wir nicht nur neben unseren Kindern hergelebt haben, sondern ihr Aufwachsen wirklich miterlebt haben.
Interessanterweise habe ich Anfang der Woche mit meiner Freundin aus Pellworm genau darüber gesprochen. Sie arbeitet in einer Vater-Mutter-Kind-Klinik und erlebt täglich, wie präsent Handys inzwischen selbst in diesen intensiven Familienphasen sind. Es werden ständig Fotos gemacht, Selfies aufgenommen, Sprachnachrichten verschickt, Nachrichten gelesen und Inhalte geteilt. Natürlich habe auch ich früher gerne Bilder gemacht. Daran ist nichts falsch. Aber danach war das Handy wieder weg und die gemeinsame Zeit stand im Mittelpunkt. Denn genau diese Zeit kommt nicht zurück.
Ich sagte zu ihr, dass ich in solchen Gruppen die Handys wahrscheinlich verbieten würde. Sie musste lachen und erzählte mir, dass dies bei ihnen tatsächlich so gehandhabt wird. Das hat mich sehr gefreut. Ob die jungen Eltern das danach auch in ihren Alltag mitnehmen, ist eine andere Frage. Ich persönlich bin da eher skeptisch.
Besonders deutlich wird es für mich, wenn ich einkaufen gehe. Ich sehe immer häufiger Kleinkinder im Einkaufswagen, ruhiggestellt mit einem Tablet oder dem Handy der Eltern. Und an dieser Stelle frage ich mich wirklich, wann wir angefangen haben, das für normal zu halten. Einerseits wird beklagt, dass Kinder immer unruhiger sind, sich schlechter konzentrieren können und sozial auffälliger werden. Andererseits schieben wir sie schon im frühesten Alter in eine digitale Zwischenwelt, damit sie beim Einkaufen, im Restaurant oder unterwegs möglichst nicht stören.
Natürlich möchte niemand, dass das eigene Kind im Supermarkt einen Wutanfall bekommt. Niemand steht gern im Restaurant mit einem hungrigen, quengelnden Kind und wartet auf das Essen. Das verstehe ich. Aber gehört genau das nicht auch zum Leben dazu? Kinder haben Gefühle. Sie dürfen frustriert sein, ungeduldig, laut, überfordert oder wütend. Und unsere Aufgabe als Erwachsene ist es doch nicht, jede Regung sofort wegzudrücken, sondern sie zu begleiten. Ihnen zu erklären, warum etwas gerade nicht geht. Ihnen zu zeigen, wie man mit solchen Situationen umgeht. Ihnen Orientierung zu geben. War das nicht einmal der eigentliche Sinn von Erziehung.
Vor einigen Wochen habe ich einen Bericht über Dänemark gelesen. Dort wird viel stärker auf eine respektvolle Erziehung gesetzt. Kindern werden Dinge erklärt. Sie werden ernst genommen, in Abläufe eingebunden und lernen früh, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig lernen Eltern, ihren Kindern zu vertrauen. Und genau dieser Gedanke ist mir hängen geblieben. Wenn wir alles steuern, alles kontrollieren und jedes unangenehme Gefühl sofort mit einem Bildschirm überdecken, wann sollen Kinder dann lernen, sich selbst zu regulieren? Und wann lernen wir Erwachsenen, ihnen überhaupt etwas zuzutrauen.
Ihr merkt schon, ich stehe dem Ganzen sehr kritisch gegenüber.
Unsere Kinder durften das Leben zum Glück noch ziemlich natürlich kennenlernen. Sie waren draußen, haben gespielt, sich gestritten, sich wieder vertragen und wussten, dass Hausarrest eine echte Strafe war, weil er bedeutete, nicht mehr raus zu dürfen. Heute gibt es eine ganz andere Form von Dauerbeschäftigung. Das Internet ist überall. Facebook, TikTok, Instagram, dazu Werbung, neue Videos, neue Beiträge, neue Reize. Alles ist darauf ausgelegt, uns möglichst lange festzuhalten.
Und genau da beginnt für mich die eigentliche Frage: Wie viel Zeit verlieren wir dort Tag für Tag, ohne es überhaupt noch zu merken.
Ich habe vor Kurzem gelesen, dass ein Unternehmer untersucht hat, wie viel Zeit er allein durch unnötige E-Mails verliert. Das Ergebnis waren dreißig Minuten pro Tag. Hochgerechnet sind das 182,5 Stunden im Jahr. Nur für Mails, die nicht wichtig waren. Und dann ist da noch nicht eine einzige Minute eingerechnet, die wir auf Facebook verbringen, während wir Beiträge von Menschen lesen, die wir gar nicht kennen. Noch keine Minute auf TikTok, bei Instagram oder in irgendwelchen Kommentarspalten, in denen wir uns von einem Inhalt zum nächsten treiben lassen.
Wenn man sich das einmal ehrlich vor Augen führt, ist das erschreckend.
Denn wir verlieren dort nicht nur Zeit. Wir verlieren Aufmerksamkeit, Konzentration und oft auch die Fähigkeit, einfach bei einer Sache zu bleiben. Genau das macht diese Plattformen so problematisch. Sie sind nicht harmlos, nur weil wir „ja nur mal kurz“ aufs Handy schauen. Dieses kurze Schauen summiert sich. Aus fünf Minuten werden zwanzig. Aus zwanzig Minuten wird eine Stunde. Und plötzlich ist ein Abend vorbei, ohne dass man sagen könnte, was man in dieser Zeit eigentlich erlebt hat.
Besonders bedenklich finde ich, dass wir längst wissen, wie diese Mechanismen funktionieren. Das Scrollen, Wischen und ständige Wechseln zwischen kurzen Inhalten aktiviert im Gehirn immer wieder kleine Belohnungsimpulse. Genau deshalb fällt es vielen Menschen so schwer, das Handy einfach wegzulegen. Es ist nicht nur Gewohnheit. Es ist längst ein Verhalten, das suchtähnliche Züge angenommen hat. Und ich finde, genau darüber sprechen wir noch viel zu wenig.
Mir selbst ist schon oft aufgefallen, wie schnell ich mich bei bestimmten Dingen ablenken lasse. Wie ich Zeit verliere, obwohl ich eigentlich etwas ganz anderes tun wollte. Und trotzdem habe ich es immer wieder gemacht. Einfach, weil es bequem war. Weil es leicht war. Weil man sich damit kurz aus dem Kopf schieben konnte, was einen gerade beschäftigt.
In den vergangenen zwei Wochen habe ich deshalb bewusst etwas verändert. Facebook nur noch sehr eingeschränkt, TikTok gar nicht mehr. Stattdessen habe ich mehr gelesen, mehr Nachrichten verfolgt, mehr Dinge gemacht, die mich wirklich interessieren. Und was soll ich sagen: Ich hatte plötzlich mehr Zeit. Vor allem aber fühlte es sich freier an.
Das Handy wurde für mich in dieser Zeit immer mehr zu dem, was es eigentlich sein sollte: ein Gebrauchsgegenstand. Praktisch, wenn man unterwegs ist und Hilfe braucht. Nützlich, wenn man jemanden erreichen muss. Aber kein ständiger Begleiter, der jeden freien Moment füllt.
Denn am Ende ist es doch so: Kein Scrollen ersetzt ein echtes Gespräch. Kein Video ersetzt einen gemeinsamen Abend mit Freunden. Kein Like ersetzt das Gefühl, wenn man mit Menschen zusammensitzt, über Ideen, Träume, Alltag und Zukunft spricht und dabei merkt, wie gut echte Nähe tut. Genau diese Momente bleiben. An sie erinnert man sich. Sie tragen einen länger als jedes Video, das man zehn Minuten später schon wieder vergessen hat.
Deshalb habe ich für mich beschlossen, meiner Zeit wieder bewusster zu begegnen. Arbeit ist Arbeit, klar. Wir brauchen sie alle. Aber danach möchte ich viel genauer hinschauen, wofür ich meine Stunden hergebe. Und vor allem, wofür nicht.
Denn Zeit ist nicht weg, nur weil wir glauben, keine zu haben. Oft liegt sie direkt vor uns. Wir haben nur verlernt, sie zu sehen, weil ständig etwas blinkt, piept, aufpoppt oder unsere Aufmerksamkeit einfordert.
Meine Gedanken und ich verabschieden uns jetzt erst einmal in die Sommerferien und melden uns danach wieder bei euch. Mit Neuigkeiten aus meiner Küche, mit neuen Gedanken und hoffentlich mit noch mehr bewusster genutzter Zeit.
Denn vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fragen, die wir uns stellen sollten:
Wie viel von unserem Leben erleben wir eigentlich noch wirklich – und wie viel davon schauen wir nur noch durch einen Bildschirm an.
Nehmt ihr euch bewusst Zeit?
Bis bald
Tamara 💛
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