21:03 Uhr – und plötzlich war alles anders

Veröffentlicht am 24. Mai 2026 um 20:25

Wie schnell sich ein Leben verändern kann, begreifen wir oft erst dann, wenn plötzlich alles stillsteht.
Eben waren noch Termine wichtig, Gedanken an die nächste Woche oder Pläne für später. Viele Dinge verschiebt man auf irgendwann. Auf die Zeit, wenn endlich Ruhe einkehrt oder wenn man mehr Freizeit hat. Wir alle wissen zwar, dass unser Leben begrenzt ist, und trotzdem leben viele von uns so, als hätten wir noch unendlich viel Zeit.
Bis dieser eine Moment kommt, der alles verändert.

Für uns war es ein ganz normaler Abend. Mein Mann und ich saßen bereits auf der Couch, als um 21:03 Uhr mein Handy klingelte vor fünf Jahren. Eine unbekannte Nummer. Am anderen Ende war ein Notarzt.
Unser ältestes Kind müsse mit dem Rettungshubschrauber in die Uniklinik nach Gießen geflogen werden. Ich solle schnellstmöglich dorthin kommen. Was in solchen Sekunden im Kopf passiert, kann man kaum beschreiben. Während ich hektisch eine Tasche packte und versuchte ruhig zu bleiben, funktionierte mein Verstand plötzlich nicht mehr richtig. Ich wusste nicht einmal, wie ich nach Gießen kommen sollte.

Mein Mann installierte mir einen Routenplaner aufs Handy und merkte gleichzeitig, dass ich unmöglich selbst fahren konnte. Also rief ich meinen Bruder an, der trotz Frühdienst am nächsten Morgen sofort zusagte.
Als wir gegen 22:30 Uhr an der Uniklinik ankamen, landete dort gerade ein Rettungshubschrauber. Bis heute weiß ich noch, wie sich mein Herz in diesem Moment zusammenzog.
Doch es war die Zeit von Corona.
Keine Besucher.
Keine Ausnahmen.

Eine Ärztin erklärte uns ruhig die Situation. Bereits das zweite Operationsteam kämpfte um das Leben unseres Kindes. Und trotzdem mussten wir wieder nach Hause fahren. Was ich den Mitarbeitern dort bis heute hoch anrechne: Wir durften jederzeit anrufen. Egal wie oft. Egal zu welcher Uhrzeit. Immer wieder nahm sich jemand Zeit, erklärte den aktuellen Stand und beantwortete geduldig unsere Fragen.

Die ersten Tage überstand unser Kind stabil, doch am sechsten Tag war ich selbst kurz davor zusammenzubrechen. Ich durfte noch immer nicht zu ihm, und irgendwann machte mein Kopf Dinge mit mir, die ich selbst kaum erklären kann.
An diesem Tag ließen mich die Ärzte schließlich auf die Intensivstation.

Ich werde diesen Moment niemals vergessen.
Ich betrat das Zimmer, sprach den Namen unseres Kindes aus – und aus dem linken Auge lief eine Träne.
Seit diesem Augenblick bin ich überzeugt, dass Menschen im Koma mehr wahrnehmen, als wir glauben.

Von da an ging es langsam bergauf. Nach Wochen auf der Intensivstation und in der Reha durfte unser Kind schließlich wieder nach Hause.
Ohne unsere Familie hätten wir diese Zeit niemals geschafft. Fahrten wurden organisiert, Wochenenden geopfert und Hilfe angeboten, ohne dass wir darum bitten mussten. Und genau solche Momente verändern den Blick auf das Leben.

Stress im Alltag, Ärger über Kleinigkeiten oder die Ungeduld in der Supermarktschlange verlieren plötzlich ihre Bedeutung. Denn wenn ein geliebter Mensch um sein Leben kämpft, zählt nur noch gemeinsame Zeit. Seit damals ist mir bewusster denn je, wie wertvoll unsere Momente miteinander sind.
Vielleicht vergessen wir das im Alltag viel zu oft.
Deshalb wünsche ich euch von Herzen, dass ihr eure Zeit nicht immer nur auf später verschiebt.

Denn wir wissen alle nicht, was morgen kommt.

Bis bald
Tamara 💛

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